• Richard

Im Stau auf Bärenschau

Seit wir unterwegs sind, werden wir allerorten von Schildern aufgeklärt, dass wir uns auf Schwarzbärterritorium befinden. Netterweise wird auf den Schildern auch erläutert, was man machen soll, wenn man einem Bären begegnet. Nicht wegrennen, nicht wegdrehen, Bär angucken aber kein Augenkontakt, Arme hoch um groß zu erscheinen, langsam rückwärts gehen. Und dann, wenn das alles nichts bringt: Mit Steinen werfen, mit Stöcken hauen, möglichst aggressiv mit allem was man hat kämpfen. Puh... Wir haben alle Schilder brav studiert, uns ein wenig gegruselt und uns trotzdem gewünscht, tatsächlich mal einem Bären zu begegnen. Denn bisher haben wir nur einen kurzen Blick im Vorbeifahren auf einen weit entfernt stehenden Jungbären erhaschen können. Wir finden, das zählt nicht. Also erkundigen wir uns, wo man denn wirklich auf Bären - und nicht nur auf Bärenschilder - trifft. Der Great Smoky Mountains National Park bietet dafür eigentlich jede Menge Möglichkeiten. Unter anderem auf der „cades cove“, einer sehr großen Waldlichtung, werden häufig Bären gesichtet. Wir machen uns auf und fahren vom coolen Asheville in die Smokys. Ein wenig uninformiert googeln wir nachdem wir die Nationalparkgrenze passiert haben erstmal, wo denn eine Rangerstation ist. Dort, so hoffen wir, können wir uns dann über Wandermöglichkeiten informieren. Die Rangerstation liegt genau in der Mitte einer großen, äußerst beliebten Rundfahrt, die um die Lichtung „cades cove“ führt. Realisieren tun wir das allerdings erst, als wir schon mittendrin sind: Im Schritttempo schleichen wir mit tausenden Anderen über die 10 Meilen lange Ringstraße entlang dem Waldrand. Und wenn man genau hinsieht, kann man ganz weit entfernt am anderen Ende der Lichtung das Glitzern von Autos in der Sonne erkennen. So haben wir uns das nicht vorgestellt. Nach einem Weilchen Stop-and-Go mit stumpfem Auf-die-Lichtung-Gaffen kommt die Karawane zum Stillstand. Etwas weiter vor uns halten die Autos am Straßenrand, Menschen steigen mit Fernglas und Teleobjektiv bewaffnet aus und recken die Hälse. Auch wir können durch das Fenster den Schwarzbären rund hundert Meter entfernt im halbhohen Gras stehen sehen. Aber das ist ein Touristenbär, den wollen wir gar nicht! Außerdem haben die Autos vor uns alle an der Seite gehalten und die Straße frei gemacht! 200 Meter Vollgasfahrt bringen uns dem Ende des sogenannten „Loops“ etwas näher. Eine halbe Stunde später sind wir am Midwaypoint bei der Rangerstation. Einmal raus um ein bisschen Kartenmaterial zu ergattern und wieder ab auf die Strecke für den zweiten Teil des „Drivethrough-Zoo“, denn einen Abzweig gibt es nach der Rangerstation nicht. Nach anderthalb Stunden haben wir die Rundfahrt erfolgreich beendet und beschließen hier auf dem Campingplatz zu bleiben, um am nächsten morgen eine Wanderung zu unternehmen. Nach dem Check-in fahren wir hinter einem anderen Wagen in den Campingplatz ein. Kurz bevor wir unsere gebuchte Stellplatznummer erreichen, fängt der auch noch an zu trödeln. Leicht angeätzt überhole ich und erhasche im Vorbeifahren den strafenden Blick des naturliebhabenden Bummlers und sehe, wie er auf einen Bären gleich neben der Straße zeigt. Oder auch: Gleich neben unserem Campingplatz. Wir steigen aus um den Schwarzbär genauer zu beschauen. Der steht in etwa 20 m Entfernung zu unserem Auto zwischen den Bäumen und lässt sich von uns nicht stören. Er macht vielmehr den Eindruck, als wäre er eine Art Dauergast hier.

Am nächsten Morgen machen wir uns früh auf, um die Great Smoky Mountains von einer anderen Seite kennenzulernen. Unser Wanderweg startet an Start und Ende des gestern erledigten Loops. Der ist heute morgen für Autos gesperrt (cool!). Stattdessen kommen uns viele Menschen auf Rädern und in Shirts mit der Aufschrift „Meals on Wheels“ entgegen (schon irgendwie auch cool). Kurz darauf sind wir weg vom Trubel und steigen hinauf Richtung Spence Field. Es geht anfangs entlang eines Bachlaufes, den wir mittels sporadischer Brücken (Baumstämme) mehrfach überqueren.

Später wandern wir durch Rhododendron-Wälder. Es ist wunderschön und wir sind praktisch die Einzigen. Außer uns gibt es hier noch lustige, immer leicht panisch wegrennende Hühner, die irgendwie an Truthähne erinnern und allerlei Kleinviech. Wir genießen die Ruhe und bestaunen den Wald. Plötzlich raschelt es und wir sehen einen jungen Schwarzbären vor uns türmen. Der naheliegende Bach muss unser Ankommen übertönt haben. Einerseits freut uns, dass es hier also doch Bären gibt, die sich entsprechend ihrer Art benehmen und reißaus nehmen, anstatt auf Leckereien in unseren Rucksäcken zu hoffen. Andererseits erinnert uns die Begegnung daran, dass man Bären ja nun eigentlich nicht überraschen will (Steine und Stöcke!) und von nun an achten wir besser darauf, dass wir gut zu hören sind. Also: Möglichst stetige Unterhaltung über alles was wir sehen und wenn wir gerade nichts zu reden haben, dann wird gesungen. Stetig geht es durch Wald, Aussichten gibt es wenige.

Aber der Wald bietet genug für die Sinne. Langsam wird es anstrengend. Vier Stunden stetige Steigung haben wir hinter uns, als wir an der Schutzhütte auf dem Bergrücken ankommen um Mittagspause zu machen. Sie steht auf einer Lichtung in der Nähe einer Kreuzung mit dem Appalachian Trail und wir sind überrascht, hier auch andere Wanderer anzutreffen. Sie haben Gepäck für eine Weitwanderung bei sich und erklären uns, dass sie auf dem Appalachian Trail wandern. Sie sind thru-hiker, die in Georgia gestartet sind. Vor drei Wochen. Also noch ganz am Anfang. Wenn alles gut geht, werden sie wohl in ungefähr fünf Monaten oben in Maine das andere Ende des AT erreichen. Kurz überlegen wir, wo wir wohl in fünf Monaten sind. Panama... Kolumbien...? Oder ganz woanders? Wir wünschen gute Reise und machen uns bald auf zur zweiten Etappe des Tages. Die führt uns jetzt auch erstmal entlang des AT. Richtung Georgia. Und uns kommen auf einmal richtig viele Menschen entgegen. Alle mit großem Rucksack und etwas irritiert über unser leichtes Tagesgepäck. Bärenglocken oder ähnliches bemerken wir bei den lustigen Wandersleuten nicht. Nur eine Alleinwandernde hört Podcast über Lautsprecher. Ist auch kaum vorstellbar, dass sich ein Bär diesem permanent frequentierten Wanderweg nähert. Und doch: Plötzlich raschelt es rechts von uns und etwas kleines Schwarzbraunes düst davon. Im selben Moment kommt von links aus dem Dickicht ein imposantes Knurren. Es ist die Art von Geräusch, die man mit dem Brustkorb hört. Und es ist nah. Zu nah. Im Gebüsch, keine fünf Meter von uns entfernt, regt sich ein ungleich größeres Exemplar. Sehen können wir nur wenig, aber gehört haben wir genug. Langsam rückwärts und groß erscheinen. Der Bär scheint das gleiche zu machen, jedenfalls beruhigt sich das Gebüsch und kurze Zeit später sehen wir ihn (mächtig groß) etwas weiter entfernt ganz entspannt davontrotten. Als unsere Knie aufhören zu schlottern, machen wir uns auch wieder auf den Weg. Jetzt wieder aus vollen Kehlen singend.

Acht Stunden nachdem wir gestartet sind, kommen wir wieder an unserem Bus an. Am selben Tag werden wir noch durch ganz Georgia und bis nach Florida fahren. Wir haben beschlossen, dass wir nun genug Wald gesehen haben und wollen ans Meer. Am nächsten Tag empfängt uns an der Küstenstraße am Golf von Kalifornien das altbekannte Warnschild: Bear x-ing!

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