• Richard

Saul und seine Töchter

Das Gebiet zwischen Chihuahua, Sinaloa und Durango ist bekannt als das „Marihuana-Dreieck“ Mexikos. Auch Schlafmohn wird hier viel angebaut. Aus diesem Grund gibt es viele Kartell-Aktivitäten, viele Polizei- und Militärkontrollen und wenige Restaurantempfehlungen im Lonely Planet. Daher beschließen wir, wie die meisten Reisenden, auf der Mautstrasse durchzurauschen. Zwei Tagesetappen sollten uns von den Barrancas del Cobre in die Sierra de Órganos bei Durango bringen. Am Morgen vor Start der ersten Etappe habe ich noch festgestellt, dass irgendwo beim anstrengenden Aufstieg in die Barranca die Achsmanschette links vorne gerissen ist. Problematisch fanden wir das aber nicht, denn wir haben neue Manschetten dabei (Danke, Ferdi!) und für einige Zeit würde es auch erstmal eine Plastiktüte mit zwei Kabelbindern tun. Werkstatt suchen, so dachten wir, können wir ja auch noch in Durango oder Zacatecas, wenn die unsichere Gegend hinter uns liegt.

Am Ende unserer ersten Etappe haben wir dann in einem Spassbad (genau!) mit angeschlossenem Campingplatz und hohem Zaun übernachtet. Am nächsten morgen weigerte sich unser Mitsu dann allerdings, die zweite Etappe anzutreten. Er sprang zwar nach heftiger Orgelei an, hielt dann aber nicht das Standgas. Bei voll durchgetretenem Pedal war nur ein leises Schnurren zu hören. Wenn man den Gasfuß ein wenig hob, verschluckte er sich und soff ab. Spätestens nach dem Schalten war der Motor dann definitiv wieder aus. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass das kleine Örtchen nicht nur über ein Spassbad verfügt, sondern auch über einen Mechaniker. Also: Erster Gang, Pedal to the Metal, und ab ging’s. In Schrittgeschwindigkeit. Mehr war nicht zu machen.

Bei der Werkstatt angekommen, habe ich dann versucht, den Mechanikern auf Spanisch unser Problem zu erklären. Aber einerseits habe ich Worte wie Dieselpumpe, Standgas und Kraftstofffilter noch nicht im Repertoire, andererseits wollten die Mechaniker erstmal zweifelsfrei festgestellt wissen, dass wir keine Amerikaner sind. Als man sich einig war, es nicht mit Gringos zu tun zu haben, wurde schnell ein englischkundiger Übersetzer herbeitelefoniert, dem ich schildern konnte, was unser Problem ist. Das übersetzte er dann auch seinen Freunden, die allerdings mit betretener Miene erklärten, dass sie nicht an Diesel-Fahrzeugen arbeiten. Wir müssten leider woanders Hilfe suchen. In der nächsten größeren Stadt, Hildalgo de Parral, sei sicher ein Diesel-Mechaniker zu finden. Ob sie denn eine Werkstatt wüssten, zu der wir fahren könnten. Nein, so spontan nicht. Aber weil wir ja keine Amerikaner sind, wurde kräftig herumtelefoniert, um eine für uns ausfindig zu machen. Nach einer halben Stunde stand folgende Vereinbarung: Wir sollten erstmal zum Walmart in Parral fahren (ja, den gibts auch in Mexiko). Wenn wir auf dem Parkplatz angekommen sind, sollten wir den Übersetzter anrufen (der, wie wir mittlerweile wussten in Colorado wohnt). Dieser wiederum würde dann seinen Bruder anrufen, der nämlich in Parral wohnt. Und der käme dann zum Walmart um uns zum Diesel-Experten zu eskortieren. Kapiert? Wir nicht.

Nun sind wir also zurück auf der Mautstraße südwärts Richtung Parral. Nach ein wenig Warmfahren schafft der arme Mitsu jetzt immerhin gute 40 km/h. So brauchen wir zwar locker zwei Stunden bis nach Parral, aber immerhin gibt uns das die Gelegenheit, das ein wenig seltsam wirkende Arrangement zu diskutieren. Wie sicher die Stadt ist, wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass sie in einem Teil Mexikos liegt, der Reisenden nicht gerade angeraten wird. Was wir allerdings auch wissen ist, dass wir es in diesem Schneckentempo nicht bis Durango schaffen. Nicht vor Einbruch der Dunkelheit und vielleicht auch gar nicht. Denn wir zittern bei jeder Steigung und hoffen, dass der Mitsu es über die nächste Kuppe schafft. Also ist klar, dass wir nach Parral fahren. Und dass man in Mexiko nicht einfach mal googelt, wo die beste Diesel-Werkstatt der Stadt ist, sondern sich besser auf Empfehlungen von hilfsbereiten Menschen verlässt, haben wir in den vergangenen acht Wochen Mexiko schon gelernt. Also geschieht alles genauso, wie von den Dorfmechanikern vorgeschlagen. Vom Supermarkt-Parkplatz aus telefonieren wir nach Colorado, der in Parral wohnhafte Bruder kommt mit seiner ganzen Familie im Kleinwagen angefahren und wir fahren in Kolonne durch die Straßen Parrals zum Mechaniker.

Dort angekommen, gilt es zuallererst wieder glaubhaft zu versichern, dass wir keine Amerikaner sind. Dann hört man sich gerne meine Erklärungen an. Und dieses mal klappt das sogar auf spanisch. Werkstattleiter Saul stellt uns seinen Sohn Saul Junior vor und meint, sie werden sich unseren Mitsubishi L300 nach der Mittagspause anschauen. Ob wir denn schon was gegessen hätten? Wir bejahen und lehnen die Einladung zur gemeinsamen Mittagspause ab. Haben uns nämlich bei WalMart was zu essen geholt. Saul und Saul zeigen uns ihre Werkstatt, das Klo wird nochmal extra mit Klopapier ausgestattet (in Mexiko eine echte Besonderheit) und die Beiden versprechen, in ein bis zwei Stunden wieder zu kommen und sich auf Fehlersuche zu begeben.

Als sie wiederkommen, wird mit der Arbeit begonnen. Die Kommunikation klappt richtig gut. Hände, Füße, und ein bisschen Spanisch. Und wo wir nicht weiterkommen, hilft google translate. Am Ende eines eigentlich ganz lustigen Nachmittags ist der Fehler gefunden und behoben. Saul fragt, ob sonst alles gut sei, mit unserem Wagen. Na klar, alles super. Ach halt! Die Achsmanschette! Klar, die tauscht er uns auch noch. Aber nicht mehr heute. Ist sowieso zu spät, um weiterzufahren. Schlafen sollen wir doch einfach auf seinem Hof. Wir sollen uns keine Sorgen machen, hier ist es sicher, Hidalgo de Parral sei richtig schön und wenn er die Werkstatt aufgeräumt hat, wolle er mit uns einen Stadtspaziergang machen. Ja, klar! Wir freuen uns über die Einladung und machen schonmal unser Nachtlager zwischen den ganzen ausgeschlachteten Autos im Hof fertig.

Als Saul uns zum Stadtspaziergang abholt, wartet ein Opel-Kleinwagen vor dem Tor. Darin: Sauls Frau und seine zwei Töchter. „Mi esposa, mi hijas“, „¡hola, buenas noches!“ Gemeinsam machen wir eine Stadtrundfahrt (ach, so ein Spaziergang!) durchs abendliche Hidalgo de Parral. Die Stadt ist wirklich sehr schön, voller stattlicher Kirchen, Gässchen und Plätzen umgeben von kolonialer Architektur. Und an jeder Ecke sind Statuen und Standbilder von Pancho Villa zu finden. Der mexikanische Revolutionär wurde nämlich hier erschossen. Und nachdem man ihn erschossen hat, hat man ihm gleich dutzendweise Denkmäler errichtet. Mal als monumentales Reiterstandbild, mal stehend über die Stadt blickend, mal sitzend auf einer Parkbank. Beim anschließenden Abendessen in einem Restaurant der Innenstadt witzeln wir über Pancho Villa, tauschen uns über unsere Heimatstädte aus und werden über unsere bisherige Reise befragt. Saul ist hocherfreut, als er hört, dass wir von Mexiko begeistert sind und seine Landsleute uns gut behandeln. „Auch die Polizei?“ „Auch die Polizei.“ „¡Que bueno, que bueno!“ Und während wir noch mit unseren erstaunlich großen Bergen von Carne Asado ringen und mit Frau und Kindern plaudern, schleicht Saul sich zum Tresen und bezahlt für uns alle. Völlig überfressen kugeln wir uns zurück zum Auto und glauben nicht, dass wir diese Woche nochmal was essen können. Auf dem Weg zurück zur Werkstatt wird noch ein kurzer Stop in einer dulcería eingelegt und wir werden mit regionalen Süßigkeiten versorgt – Ablehnen ausgeschlossen.

Am nächsten Morgen kommt Saul zu unserem Mitsu und verkündet, dass er sich gleich nach dem Frühstück um unsere Achsmanschette kümmern will. Aber vorher gehtˋs zum Tacostand. Und auch diesmal ist Widerstand zwecklos. Also wuchten wir unsere immer noch vollen Bäuche in den vor dem Hof bereitstehenden Ford-Pickup. Saul Junior fährt auf der Ladefläche mit. Am Stand kennt man sich, die beiden Sauls werden herzlich begrüßt. Anscheinend frühstücken die anwesenden Herren häufiger gemeinsam. Uns stellt Saul der Gruppe als Freunde aus Deutschland vor. Die fantastischen Kalbfleisch-Tacos darf ich glücklicherweise bezahlen. Saul, Saul und ihre Freunde sind allerdings ein wenig irritiert, weil Isi und ich jeweils nur 3 Tacos essen.

Der Vormittag wird mit dem demontieren von Rad, Freilaufnabe und Bremse verbracht. Nach getaner Demontage werden Anstalten gemacht, in die Mittagspause zu gehen. Vorsorglich verkünde ich, dass wir auf keinen Fall schon wieder etwas essen. Geht nicht. Wir sind zu satt. Saul lacht, und meint, er wolle gar nicht essen gehen. Er müsse uns nur etwas zeigen, wir sollen doch mal mitkommen. Der Trick ist zwar offensichtlich, aber so liebenswürdig vorgetragen, dass wir mitmachen müssen. Vor dem Hoftor steht eine Mercedes-Limousine bereit. Darin wartet eine junge Frau, die wir noch nicht getroffen haben. „Otra hija“, meint Saul. „¡Hola, buenas días!“ Gemeinsam mit Sauls Tochter fahren wir zum Hänchengrill. Unsere spannenden Bäuche quetschen wir dort hinter die Tischplatte eines großen Tisches für acht Personen, obwohl es auch jede Menge Tische für vier Personen gibt. Und so bin ich auch nicht überrascht, als kurz darauf noch mehr Familie auftaucht. Strahlend präsentiert uns Saul: „¡Otra hija!“ ¡Hola, buenas tardes!“ Und sie wiederum stellt ihren Mann und ihre einjährige Tochter vor. Ein ausgelassener Hänchen-Schmauß beginnt, bei dem zum Glück kaum auffällt, dass wir uns ein wenig zurückhalten. Als wir nach dem Essen das Hähnchenrestaurant verlassen, mache ich mich auf in Richtung der Mercedes-Limousine. Aber falsch. Die Tochter mit der wir gekommen sind, fährt jetzt mit der Mercedes-Limousine zur Uni. Wir fahren mit der ältesten Tochter im Chevrolet-Kombi zurück. Auf dem Weg zum Auto frage ich Saul, von was er denn mehr habe. „Töchter oder Autos?“ Kurz schaut er Richtung Himmel, er scheint durchzuzählen. „Autos!“

Am Nachmittag wird der Wagen wieder zusammengebaut. Dann Probefahrt, dann noch ein wenig Getriebeöl nachfüllen und dann ist alles fertig. Aber heute ist es sowieso zu spät, um weiterzufahren. Wir sollen doch noch eine Nacht bleiben und am nächsten Morgen weiterfahren. Wieder nehmen wir gerne an, gehen aber noch zum Supermarkt, bevor wir es uns wieder zwischen den ausgeschlachteten Autos gemütlich machen. So schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir können unsere Vorräte aufstocken und vermeiden ein weiteres Abendessen. Auch wenn es jedesmal Spaß gemacht hat, wir können nichts mehr essen. Echt nicht. Und außerdem ahnen wir schon, das Saul uns lieber zum Essen einlädt, als uns eine Rechnung für die Auto-Reparatur zu unterbreiten. Daher brauchen wir zumindest ein Abschieds-Präsent. Während Isi abends im Bus deutsches Brot backt, versuche ich mich nicht an den drei Flaschen Erdinger Weißbier zu vergreifen, die wir tatsächlich im WalMart gefunden haben.

Am nächsten Morgen wollen wir weiterfahren. Als Saul herauskommt, um uns zu verabschieden, fragen wir ihn, was er denn nun für seine zwei vollen Tage Arbeit am Mitsu bekommt. Aber er möchte nichts von Geld hören. Es sei ihm viel wichtiger, dass wir eine schöne Erinnerung an Hidalgo de Parral, an ihn und seine Familie behalten. Das sagt er mit solcher Ernsthaftigkeit, dass wir einfach zustimmen müssen. Mit vielen Umarmungen und unter Austausch von guten Wünschen, Brot und Bier verabschieden wir uns voneinander und machen uns auf den Weg.

Still ist es im Auto, denn wir sind immer noch ganz ergriffen von dem Erlebten, als wir hinausfahren aus Parral. Der Stadt von Pancho Villa und Saul Sanchez. Nach einer Weile frage ich Isi, ob wir wohl alle Töchter kennengelernt haben. „Wenn nicht, hätte Saul uns nicht gehen lassen“, meint Isi und macht das Radio an. Sie sollten Hidalgo de Parral wirklich ein Kapitel im Lonely Planet widmen. Wir könnten auch einige Restaurantempfehlungen beisteuern.

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